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Die "Frau vom Checkpoint Charlie" besucht unsere Schule.

Lesen Sie den Bericht der Werra Rundschau über dieses besondere Ereignis.

Besser als jedes Lehrbuch

D

ie Ballonflucht

Am 24.04 15 war Herr Wetzel bei uns in der Schule, um uns einen spannenden Vortrag über seine aufregende Flucht aus der DDR zu halten. Was sich seine Familie getraut hat, zu flüchten und zu riskieren ins Gefängnis zu gehen, die Kinder ins Heim zu schicken. Sehr bewundernswert und mutig.

Herr Wetzel ist in Thüringen geboren und aufgewachsen. Was er schon in seiner Kindheit mitbekommen hat über die DDR zeigte sehr früh, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen ist, welcher den Bauern das Land weggenommen hat. Seine Wut auf das System baute sich in den ganzen Jahren immer weiter auf. Studieren konnte er nicht, weil man dazu in die Partei eintreten musste, was er nicht tat. Er erlernte drei verschiedene Berufe, doch keiner von ihnen war das, was er eigentlich wollte. Dennoch gab es keinen konkreten Grund, Republikflucht zu begehen. Am 8. Februar 1978 kam dann die Idee, mit dem Ballon über die Grenze zu fliegen. Zusammen mit einer anderen vierköpfigen Familie planten sie die „Ausreise“. Sie nahmen Stoff aus einer Lederfabrik mit und nähten den Ballon mit einer Nähmaschine aus den 30ern. Danach bauten sie eine Art „Gondel“ und machten Versuche auf einer Waldlichtung. Dabei muss man bedenken, dass es nicht sehr einfach ist, aus dem Nichts einen Heißluftballon herzustellen, mit dem richtigen Gas und den Gerätschaften, damit die „Gondel“ auch in die Luft steigt. Es musste insgesamt drei Mal ein Ballon genäht werden. Am 15. September 1979 war gutes Wetter und der Flug in den Westen begann mitten in der Nacht. Sie hatten ein klares Ziel vor Augen. Doch, wie Herr Wetzel berichtete, war ihnen nicht richtig bewusst, was sie taten. Sie verdrängten einfach die Gefahr. Sie flogen in 2000 Metern Höhe und kamen unten an.

Doch hatten sie es geschafft? Waren sie im Westen? Die zwei Familienväter gingen zuerst los und erkundeten die Gegend, während der Rest der Familien im Wald blieb. Sie kamen an einen Bauernhof. In der Scheune sahen sie die Marke Fendt. Fendt? Das gab es nicht in der DDR. Ein Zeichen, dass sie es geschafft hatten. Dann kam ein Polizeiwagen vorbei. Sie hielten ihn an und fragten: „Sind wir hier im Westen?“ Dann kam die große Erleichterung. Sie hatten es geschafft.

Sie bauten sich in den Jahre wieder alles von vorne auf, denn sie konnten aus der DDR nichts mitnehmen. Die Zeitung „Stern“ berichtete vier Wochen lang über die Flucht. Im Nachhinein, als Herr Wetzel Zugriff auf seine Stasi-Akte hatte, las er, dass er in der BRD bespitzelt wurde! Die Stasi hatte Leute auf die Familie angesetzt und sie beobachtet. Dieses Krankhafte und Fanatische der Diktatur ging immer weiter. Es ist beeindruckend, wie man so mutig sein kann. Wieder einmal ein spannender Zeitzeugenbericht. So etwas lohnt sich immer wieder!

Ich habe gelernt, dass Zielstrebigkeit einen im Leben immer weiter bringt und vor allem man sich niemals einem System beugen sollte, sondern nach seinen eigenen Gefühlen handeln und sich nicht beeinflussen lassen soll. Auch nachdem es nach dem ersten und zweiten Mal nicht geklappt hat, haben sie nicht aufgegeben. Ein großes Vorbild. Außerdem hat es mein Bild hinsichtlich der DDR und einer Diktatur wieder einmal bestätigt und verstärkt. Es war ein Unrechtsstaat, der die Menschen unwürdig behandelt hat. Diktatur ist nach wie vor fragwürdig. Nie sollte einer allein die Macht haben. Niemand kann Menschen alle in eine Ecke drängen, denn wir sind nicht alle gleich. Ich bin so dankbar darüber, dass ich meine Meinung sagen darf, sein kann wie ich bin und alles erlernen darf, was ich möchte und nicht nur dann studieren kann, wenn ich in „die Partei“ eintrete.

(Text: Theresa Göpel, 10 R)